Licht und Schatten
von Gisela Nagel
Ein weiser spiritueller Lehrer aus dem fernen Indien, der auch lange Zeit in Amerika gelebt und gelehrt hat, schreibt: "Ein seit Jahrhunderten verdunkelter Raum kann sofort erhellt werden, wenn man das Licht einlässt, nicht aber, wenn man versucht die Dunkelheit auszutreiben."
Ich nehme an, jeder von uns hat schon dunkle Tage erlebt, Tage an denen es sogar bei Sonnenschein in unserem Herzen, unserer Seele nicht hell werden will, Tage und Nächte, in denen mit jedem Gedanken, jeder Begegnung die Dunkelheit noch zunimmt. Die Dunkelheit in uns kann so massiv werden, dass für unsere nach Licht dürstende Seele kaum noch Lebensraum vorhanden bleibt. Ja und spätestens dann müssen wir etwas gegen die Dunkelheit tun, sprich: für die Helligkeit um uns, unserer Seele, unserem Herzen, unserem Körper wieder freudiges Leben zu ermöglichen. Wir müssen das Licht einlassen, wenn wir leben wollen.
Dabei müssen wir sehr aktiv werden. Bei permanenter Passivität verbreitet sich nur die Finsternis. Ich glaube, es gibt genauso viele Anlässe für die Verbreitung von Dunkelheit wie für die Ausbreitung des Lichts. Es ist ganz einfach: Man muss sich nur entscheiden, wohin man schaut. Denken wir doch an den Rosenstrauch, an dessen Blüten ich mich erfreuen kann, oder über dessen Stacheln ich enttäuscht oder traurig sein kann. Wir wissen es alle: Jedes Ding hat mindestens zwei Seiten. Aber jeder entscheidet selbst, welche er betrachtet.
Benutzen wir doch unsere Augen, Ohren und Nasen. Sie sind hervorragende Einlasspforten für das Licht, dass unsere verdunkelten Räume erhellen kann. Schauen wir uns doch um! Trotz Frost und eisigem Wind blühen die kleinen bescheidenen Schneeglöckchen. Vielleicht klingeln sie ja sogar, wenn wir nur genau hinhören, geben uns ein leises Signal, wach zu werden, das Licht, die Freude einzulassen. Die Weidenkätzchen sitzen dick und gemütlich an ihren Zweigen und lassen sich lustvoll wiegen. Und freuen sich vielleicht schon auf die Bienen, die bald von ihrem Nektar schlürfen werden, den die Kätzchen gerne abgeben. Alle Bäume und Sträucher haben in der langen Winterruhe und in Dunkelheit und Kälte neue Kräfte für eine Fortsetzung des Lebens gesammelt. Ihre Knospen sind voller Kraft und Lebensenergie. Wir auch?
Wenn wir uns immer wieder vergegenwärtigen, dass über uns allen, dem Schneeglöckchen, Baum, Strauch, Weidenkätzchen oder Mensch ein weiser Schöpfer steht, der das gesamte Universum überschaut und der uns Menschen so liebevoll mit allem ausgestattet hat, was wir für ein erfülltes Leben brauchen, dann kann es uns doch an Licht nicht mehr mangeln.
"Der Herr, unser GOTT, sei mit uns, wie er mit unseren Vätern gewesen ist. Er verlasse uns nicht und ziehe die Hand nicht ab von uns. Er neige unser Herz zu ihm, dass wir wandeln in allen seinen Wegen"
(1. Könige; 8,57)